Jetzt heißt es Zeit schinden

David ist geflohen, aber ich muss ihm so viel Vorsprung wie möglich verschaffen … Ich hab eine Idee!
Michal holt den Terafim, einen Hausgötzen, aus einem Versteck. Der war David immer ein Dorn im Auge, aber für ihre Zwecke kommt er ihr jetzt gerade recht. Er ist etwa so groß wie ihr Mann. Wenn sie ihn in Davids Bett legt, ein Büschel Ziegenhaar seiner Haarfarbe an sein Kopfende legt und die Statue zudeckt, kann sie die Boten noch eine Weile hinhalten.
Der Terafim ist schwerer, als sie sich vorgestellt hattte. Aber mit Hilfe ihres Dienstmädchens schafft sie es dann doch, den Steinklotz in das Bett ihres Mannes zu befördern.
„Deborah, es ist wichtig, dass du niemandem ein Sterbenswörtchen von Davids Flucht sagst. Es wird sowieso früh genug herauskommen.“
„Wie Sie wünschen, Prinzessin.“ Die beiden Frauen lächeln sich verschwörerisch zu. „Sie sollten jetzt schlafen gehen. Es ist schon spät.“
„Nur noch das Büschel Ziegenhaar platzieren und die Statue zudecken – so, fertig. Und Danke für deine Hilfe.“
„Ich habe nur meine Pflicht getan“, winkt das Mädchen bescheiden ab. „Gute Nacht, Prinzessin.“ Sie zwinkert Michal zu und schließt die Tür hinter sich. Michal legt sich auf ihr Bett. Hoffentlich ist David in Sicherheit! Wann wird Vater sich endlich damit abfinden, dass Gott ihn zum nächsten König bestimmt hat? … Andererseits, wenn Gott ihn dazu ausgewählt hat, wird er ihn auch beschützen.
Noch eine ganze Weile kreisen ihre Gedanken. Sie ist abwechselnd zutiefst besorgt und hoffnungsvoll. Schließlich schläft sie erschöpft von all der Aufregung und dem schweißtreibenden Schleppen mit diesen Gedanken ein.
Am nächsten Morgen wird sie von lautem Klopfen geweckt. In aller Eile steht sie auf und wirft sich in ihr Obergewand. Draußen verlangen Stimmen ungeduldig, David zu sprechen. Während sie zur Tür läuft, fährt sie sich mit einer Hand durch das verwuschelte Haar, um nicht ganz so verschlafen zu wirken. Gerade pocht es wieder, da öffnet sie die Tür. Ein Bote des Königs blafft sie an, wo David sei und wieso sie ihn solange habe warten lassen. Aber das lässt sich Michal nicht bieten.
„Hör mal, Botenjunge. Du sprichst mit der Tochter des Königs. Etwas mehr Respekt, wenn ich bitten darf!“, sagt sie in einem Ton, der keine Widerrede duldet. „Und was David angeht – er ist krank. Geh zurück zu meinem Papa und bestell‘ ihm liebe Grüße von seiner Tochter.“
„Jawohl, Prinzessin“, ist alles, was der nun etwas kleinlaute Bote erwidert. Auf sein Kommando hin sitzen alle auf ihre Pferde auf, wenden und galoppieren davon. Michal sieht ihnen nach. Wie ich meinen Vater kenne, habe ich sie heute nicht das letzte Mal gesehen.
[Fortsetzung folgt…]

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